Auswirkungen von Corona – soziale Belastungen und partnerschaftliche Probleme

Auswirkungen von Corona für Familien und Paare

Auch in dieser Woche spüren wir die starken wirtschaftlichen und vor allem sozialen Belastungen in Folge der Corona-Krise. Die Restriktionen nehmen zu, alles in der Hoffnung, die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Und hier ist jeder Einzelne von uns gefordert und gefragt! Je schneller wir es schaffen, das Tempo der Verbreitung des Virus zu reduzieren, desto eher können wir wieder auf die Einschränkungen verzichten. Die zurzeit den Familien auferlegte räumliche Nähe sowie das kürzlich beschlossene umfassende Kontaktverbot verursachen bei vielen Menschen erheblichen Stress.

Soziale Belastungen

Da darf der Ehemann seine Frau, die mit Parkinson im Heim lebt, seit Tagen nicht mehr besuchen. Er ist der einzige Mensch, den sie noch erkennt, erzählt er. Der Mann hadert mit sich. Bleibe ich in der alten Wohnung? Oder ziehe ich zu meiner Frau ins Heim? Beide sind seit 55 Jahren verheiratet. Sie ist von ihrer Krankheit schwer gezeichnet, er macht einen fitten Eindruck. Am Ende wählt er den Weg ins Heim, er will bei ihr sein. Es sind rührende Szenen. Deutschland im Zeichen der Pandemie.

Zerreißprobe für die Partnerschaft

In der aktuellen Situation hockt man extrem aufeinander, das verursacht Stress. Außerdem sind da Ängste aufgrund der Ungewissheit: Wie wird alles weitergehen? Wann hat der Spuk ein Ende? Vielen dient ein solcher Zustand als Rechtfertigung, sich gehenzulassen und schlecht zu benehmen. Darin steckt eine große Gefahr. Wo soll man sich sonst gehenlassen können, wenn nicht in der eigenen Beziehung? So argumentieren Männer wie Frauen häufig. Doch mit den Kollegen würde man nie so schlecht umgehen wie mit dem eigenen Partner. Wird dieser schlechte Umgang zur Normalität, setzt ein schleichender Prozess ein. Die Beziehung stirbt langsam den Kältetod. Die großen Katastrophen wie Fremdgehen sind dann die Folgen aus den Lieblosigkeiten, dem »Ekligsein«. Dann begegnet man jemandem, mit dem es wieder prickelnd ist. Wir sind wieder zugewandt und zeigen uns von unserer besten Seite. Das hält so lange an, bis wir uns wieder sicher genug fühlen und unsere Bemühungen erneut einstellen …

Wertschätzend und höflich zu sein, lohnt sich. Die Beziehung ist das Wertvollste, was wir haben. Stimmungen hat jeder – und darf auch jeder haben. Vor allem in der jetzigen Situation sind Stress, Sorgen, Unsicherheiten und Ängste kaum zu vermeiden. Doch man hat immer die Wahl und man sollte sie gerade jetzt mit Bedacht treffen.

Entweder: »Nicht du jetzt auch noch, lass mich bloß in Ruhe!«
Bei diesem Weg wird der Stress nicht gerade weniger – im Gegenteil.
Oder: »Schatz, mir geht’s heute nicht gut, sei bitte besonders nett zu mir.«

In der Krisenzeit, in der Isolation, müsste die wichtigste Frage jeden Tag sein: Was will ich heute für meine Beziehung tun?

Was kann man also tun?

Es sind die kleinen Dinge, die die Liebe erhalten. Einige Beispiele, die sich auch in Coronazeiten umsetzen lassen:
Zärtlichkeit im Alltag: eine Umarmung, die länger als nur zwei Sekunden dauert. Unseren Kindern geben wir Zärtlichkeit, aber der Partner bekommt sie im Alltag oft zu wenig.

  • Dem anderen einen Zettel hinterlassen, wenn man das Haus verlässt: »Hast du gut geschlafen?«
  • Kleine Aufmerksamkeiten: ein Blümchen, eine Schokolade.
  • Höflich miteinander umgehen.
  • Neugierig aufeinander bleiben: »Wie war dein Tag heute?« Und zwar auch, wenn man bereits den ganzen Tag unter einem Dach war.
  • Lernen, gut zuzuhören.
  • Einander Aufmerksamkeit schenken: »Du siehst müde aus. Kann ich etwas für dich tun?«
  • Achtsam sein, nichts für selbstverständlich nehmen: »Danke, dass du die Küche aufgeräumt hast.«
  • Lernen, um etwas zu bitten.

Einer der häufigsten und fatalsten Irrtümer in Beziehungen: Wünsche nicht zu äußern nach dem Motto »Wenn du mich wirklich liebtest, wüsstest du, was ich brauche.«

Tipp: Der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg rät, aus einem Vorwurf einen Wunsch zu machen.

  • Aus einem eingeschnappten: »Schon wieder hast du …!« wird dann ein »Ich wünsche mir von dir, dass du …«
  • Aus einem »Lass mich in Ruhe!« wird »Es fällt mit gerade schwer, liebevoll mit dir zu sein, weil … «
  • Aus: »Na toll, den Tee hast du mir jetzt ja auch nur gebracht, weil ich dich darum gebeten habe.« wird »Vielen Dank, dass du mir den Tee gebracht hast!«
  • Es klingt so einfach. Aber nicht erfüllte und nicht geäußerte Erwartungen sind eines der Hauptprobleme in Beziehungen. Zum Glück gibt es Auswege, die man trainieren kann.

    Einen Vorwurf oder einen verächtlichen Blick kann und sollte man dem Partner gegenüber wiedergutmachen. Wichtig zu wissen: Eine positive Bemerkung oder ein liebevoller Blick reicht dazu nicht aus. Das stellte der berühmte amerikanische Therapeut John Gottman fest, der über Jahrzehnte mehrere Tausende Paare untersuchte. Gottman, der auch »Einstein der Liebe« genannt wird, stellte für das Geheimnis einer glücklichen Partnerschaft eine Formel auf:

    Das Verhältnis von Positivem und Negativem liegt bei 5:1.

    Konflikte gehören dazu, doch das Positive muss ganz deutlich überwiegen, mindestens fünffach.
    Weil das Gefühl dafür oft fehlt, befinden sich so viele Paare in einem Teufelskreis: »Wieso soll ich nett zu dir sein, wenn du nicht nett zu mir bist?« Geht man dann schon unfreundlich miteinander um, macht sich immer mehr Misstrauen breit. Man beginnt, dem anderen zu unterstellen, dass er bestimmte Dinge nur macht oder nicht macht, um einen zu ärgern – die berühmte Tasse in der Spüle etwa. Statt Wohlwollen walten zu lassen, unterstellt man schnell böse Absichten. Weil wir uns innerlich wappnen. Denn wir sind zu Hause nicht nur am ekligsten, sondern auch am verletzlichsten. Wir machen uns hart und steigen so in den Teufelskreis aus schlechtem Benehmen und Unterstellungen ein. Unterstellen Sie dem anderen keine böse Absicht, sondern Wohlwollen.

    Jetzt in der Krise ist es besonders wichtig, aufeinander zuzugehen. Bitten Sie Ihren Partner um die Unterstützung, die Sie jetzt brauchen. Sagen Sie ihm, wie es Ihnen mit der Situation geht. Wer das im Moment selbst nicht weiß, sollte auf Abstand gehen. Gehen Sie an die frische Luft und sagen Sie Ihrem Partner, Sie lassen ihn später wissen, was los ist – statt ihm Vorwürfe zu machen oder Schlimmeres. Auf jeden Fall: Reden Sie miteinander!

    Man muss es üben, üben, üben, doch sich gegenseitig schlecht zu behandeln, ist letztlich nicht nur viel anstrengender, sondern gefährdet die Beziehung. Wir spüren es nur nicht mehr, weil es schon so normal geworden ist. Wem es gelingt, sein Verhalten positiv zu verändern, hat die größte Chance auf lebenslanges Beziehungsglück.

    Wie geht es Ihnen, was haben Sie bisher erlebt? Welchen Gesprächsbedarf haben Sie? Schreiben Sie uns!

    Ihr Dr. Peter Schmidke

 

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